Interview mit einem Futuristen: Jack Uldrich diskutiert die Technologie von morgen

Jack Uldrich, bekannter US-amerikanischer Futurist und Autor, thematisiert sein neustes Buch mit dem Titel „Foresight 20/20: A Futurist Explores the Trends Transforming Tomorrow“. Uldrich stellt die Welt der nahen Zukunft sehr lebhaft dar und erforscht, wie das Internet der Dinge, Big Data, Social Media, Roboter, künstliche Intelligenz, kollaborativer Konsum und erneuerbare Energien unser tägliches Leben verändern werden.

Interview mit einem Futuristen: Jack Uldrich diskutiert die Technologie von morgen

Interview mit einem Futuristen: Jack Uldrich diskutiert die Technologie von morgen

Die Druckbranche hat in den vergangenen Jahren radikale Veränderungen durchgemacht, die von neuen Technologien angetrieben wurden. Diese bahnbrechenden Technologien verändern in rasantem Tempo nicht nur althergebrachte Arbeitsweisen, sondern auch die Unternehmenslandschaft und beeinflussen ebenfalls, wie und wo Menschen arbeiten.

Der bekannte Futurist Jack Uldrich zählt einige Kerntechnologien zu den wesentlichen Triebfedern der Veränderungen in der Arbeitswelt, darunter insbesondere kollaborative Technologien wie Videokommunikation über das mobile Internet, das Internet der Dinge (das für die Billionen Sensoren steht, die bald in unsere physische Welt eingebaut sein werden) und schließlich die Konvergenz von „Big Data“ und künstlicher Intelligenz, wie zum Beispiel in tragbarer Technologie.

Der Arbeitsplatz von morgen wird, so Uldrich, von Technologie geprägt sein, die Zusammenarbeit vereinfacht und verbessert, Ablenkungen minimiert und Kreativität fördert. Dieser Wandel wird unter anderem von der Bereitschaft der Unternehmen und Organisationen angetrieben, die Idee des „strategischen Experimentierens“ aufzugreifen. Diese Bereitschaft basiert auch auf bereits verfügbaren Technologien, die risikofreie Innovationen ermöglichen.

In einer Frage-und-Antwort-Runde bespricht Uldrich seine Ansichten über den Arbeitsplatz von morgen und gibt Details über Branchen wie den Einzelhandel, das Gesundheitswesen, den Bildungssektor oder das produzierende Gewerbe. Dabei geht er auf „vorausschauende“ medizinische Versorgung, Online-Lernen und die zunehmende Verwendung von Robotern in der Produktion ein. Die Zukunft ist zum Greifen nahe und kein Unternehmen kann sich Selbstzufriedenheit leisten.

Frage-und-Antwort-Runde mit Jack Uldrich

Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Technologietrends, die den Arbeitsplatz betreffen, speziell im Hinblick auf Umwelt, Gesellschaft, Organisation sowie Strukturen?

Es gibt drei wesentliche Technologien, die der Umwelt zugutekommen. Zunächst wird die Videokommunikation über das mobile Internet weiter beeinflussen, wie und wo Menschen arbeiten. Das heißt: mehr Leute werden von zu Hause arbeiten, in Kurzzeitbüros und in Gemeinschaftsbüros. Dies führt zu weniger Staus und weniger Nachfrage nach Bürogebäuden. Durch die immer bessere Videotechnologie erhalten Menschen darüber hinaus immer mehr das Gefühl, wirklich mit ihren Kollegen „zusammen zu sein“, egal ob diese in Sacramento, Stockholm oder Sydney sitzen. Dadurch wird die Zahl der Geschäftsreisen abnehmen.

Zweitens wird das Internet der Dinge (die Idee, dass unsere physische Welt bald mit Billionen an Sensoren ausgestattet sein wird) besser feststellen können, wo im Arbeitsumfeld noch größere Effizienz erreicht werden kann. Sensoren werden zum Beispiel einzelne Arbeitsplätze und die Beleuchtung steuern, und Heizung und Klimaanlage werden nicht nur an die Vorlieben einer Person angepasst, sondern auch abgeschaltet, wenn diese Person den Arbeitsplatz verlässt, sodass Energie gespart und die Energiekosten gesenkt werden.

Drittens wird die Konvergenz von „Big Data“ und künstlicher Intelligenz (superintelligenten Computern) Menschen dabei helfen, sich besser in ihrer Umgebung zurechtzufinden. In naher Zukunft wird Ihr Smartphone oder tragbares Gerät Ihnen nicht nur sagen, zu welcher Uhrzeit Sie Besorgungen am besten machen können, sondern auch die genaue Reihenfolge und die beste Route für diese Besorgungen vorschlagen, um Zeit und Benzin zu sparen und Stress zu vermeiden.

In gesellschaftlicher Hinsicht werden soziale Plattformen wie Facebook, Twitter, Instagram und die neu entstehenden Virtual-Reality-Plattformen (wie Oculus Rift und Project Morpheus von Samsung) die Möglichkeit schaffen, Ideen und Informationen immer schneller zu teilen. Daher ist davon auszugehen, dass kulturelle Veränderungen sowie der Austausch von Ideen und Bewusstseinsinhalten weiter zunehmen werden und immer schneller vonstatten gehen. Längerfristig werden die neuen, immersiven Virtual-Reality-Technologien die Kommunikationsweise von Menschen, Unternehmen und Bildungseinrichtungen radikal verändern, indem sie die physische Entfernung minimieren, die eine Barriere für Kommunikation und Interaktion darstellt.

Auf der Organisationsebene wird die größte strukturelle Veränderung die fortlaufende Entwicklung von „Sharing Economy“-Plattformen sein, wie zum Beispiel AirBnB und Uber. In naher Zukunft ist zu erwarten, dass ähnliche „Sharing“-Geschäftsmodelle das gewerbliche Immobiliengeschäft (durch Teilen von Büros), das Bankwesen (durch mehr und mehr Peer-to-Peer-Kredite) und das Gesundheitswesen (in dem manche Ärzte und Mediziner gegen geringe Gebühren wieder Hausbesuche vornehmen werden) umwandeln werden.

Wie verbessert Technologie in Zukunft spezifisch Branchen wie Einzelhandel, Gesundheitswesen, Bildungsbereich und Produktion?

  • Einzelhandel: In naher Zukunft werden weitere Fortschritte von Mobil-, Cloud- und Sensortechnologien sowie „Big Data“ und künstliche Intelligenz dazu führen, dass Konsumenten nicht mehr selbst ins Internet gehen, sondern dass das Internet „zu ihnen kommt“. Das passiert in Form von nutzerspezifischen Informationen und maßgeschneiderten „Angeboten“, die direkt auf dem Smartphone oder einem tragbaren Gerät angezeigt werden.
  • Gesundheitswesen: Bisher warteten Menschen bis sie krank waren, um einen Mediziner oder ein Krankenhaus aufzusuchen. In der künftigen Ära der „vorausschauenden“ Gesundheitsvorsorge wird die Technologie dabei helfen, Krankheiten schon im frühesten Stadium zu erkennen. Dadurch können Menschen Vorsorgemaßnahmen schneller und einfacher ergreifen. Das Resultat: Menschen bleiben gesünder und leben länger.
  • Bildungsbereich: Online-Unterricht und Massive Open Online Courses (MOOCs) werden sich weiter verbessern. Die größte Veränderung wird sein, dass die Schüler der Zukunft in der Lage sein werden, Unterricht im Klassenzimmer an ihren eigenen Lernstil anzupassen. Die Tage, in denen ein einzelner Lehrer ein ganzes Klassenzimmer auf die gleiche Art und Weise unterrichtete, sind gezählt. Lernende können auch erwarten, dass die Kurse über eine Vielzahl von Wegen erreichbar sein werden und auf eine Art und Weise, die am besten in ihren Terminplan passt. Beispiele sind Klassenzimmer, online, Smartphones, Virtual-Reality-Plattformen und weitere. Das Klassenzimmer der Zukunft wird 24 Stunden am Tag und über das Leben eines Lerners konstant verfügbar sein.
  • Produktion: Roboter und 3D-Druck werden die Produktion radikal verändern. Beide Technologien werden sich hinsichtlich Preis und Leistung weiter verbessern. Wenn das passiert, können Menschen im Produktionsgewerbe sicherere und flexiblere Roboter erwarten, die in engerer Partnerschaft mit Menschen eine Vielzahl an Aufgaben erledigen. Der 3D-Druck (auch als „generatives Fertigungsverfahren“ bekannt) wird noch größere Auswirkungen auf das Produktionsgewerbe haben. Die zunehmenden Arten und die Anzahl an druckbaren Gegenständen, darunter auch Teile für die Automobilindustrie, die Luftfahrt, Medizinprodukte und Elektronikgeräte, werden die Produktion weltweit verändern, indem Gegenstände direkt bei oder in der Nähe des Einsatzortes produziert werden können. Das wird gravierende Auswirkungen für China und andere Niedriglohnländer sowie die Schifffahrt und den Güterkraftverkehr haben.

Gibt es weltweit betrachtet Unterschiede zwischen verschiedenen Regionen in der Geschwindigkeit und Annahme des Wandels?

Ja. Nordamerika, Asien und Europa greifen neue Technologien weiterhin schneller auf. Es ist aber zu erwarten, dass dieser Unterschied verblassen wird, wenn eine Vielzahl an Technologien wie Mobil- und Cloud-Technologien, schneller und drahtloser Internetzugang, Online-Bildung und erneuerbare Energien günstiger werden und bessere Leistung aufweisen. Sobald dies eintritt, wird die Annahme dieser Technologien in anderen Regionen der Welt rapide steigen. Die Chance für Regionen wie Afrika, die entwickelte Welt zu „überspringen“, da keine umfangreiche und teure Infrastruktur wie Unterrichtsgebäude, Glasfasersysteme und Übertragungsnetze entwickelt werden müssen, kann dabei sehr spannend werden. Wofür die entwickelte Welt mehrere Generationen brauchte, kann in Entwicklungsländern in einem Bruchteil der Zeit entstehen. Voraussetzung ist, dass für solche Entwicklungen ein stabiles politisches Umfeld gegeben ist.

Was bedeutet Ihrer Meinung nach „Zukunft“ für die Technologie? Welchen Rat würden Sie Unternehmen geben, die bei sich so schnell verändernder Technologie nicht abgehängt werden wollen?

Der Science-Fiction-Autor William Gibson schrieb einst: „Die Zukunft ist schon da, sie ist nur nicht gleichmäßig verteilt.“ Das sehe ich auch so. Die Zukunft ist schon da. Um sie zu finden, würde ich Unternehmen – und auch Einzelpersonen – vorschlagen, sich die Randgruppen der Gesellschaft anzusehen und auf die Vielfalt der Stimmen zu hören. Ich glaube auch, dass sich Leute mehr Zeit nehmen sollten, um einfach mal nachzudenken. Darum bin ich dafür, dass führende Geschäftsleute jedes Jahr eine „Denkwoche“ nehmen sollten, in der sie sich auf Dinge konzentrieren, die sie nicht wissen.

Um dranzubleiben, empfehle ich Unternehmen, neugierig zu bleiben, indem sie alles „unablässig hinterfragen“. Stellen Sie Ihre Annahmen über Ihr Geschäftsfeld, Ihren Wettbewerb, Ihre Kunden und Ihr Geschäftsmodell in Frage. Wir sind auf dem Weg in eine Zeit des konstanten Wandels. Der Schlüssel für Innovationen auf dem Weg in diese spannende Zukunft liegt darin, bessere Fragen zu stellen. Bessere Fragen führen zwangsweise zu besseren Antworten.

In der finalen Analyse erinnere ich aber alle meine Kunden daran, dass der einzige Weg, die Zukunft genau vorherzusagen, darin liegt, sie selbst zu gestalten. Darum müssen sich Unternehmen und Organisationen an die Idee des „strategischen Experimentierens“ gewöhnen. Niemand weiß genau, was in der Zukunft funktionieren wird, so dass wir immer bereit sein müssen, bis an die Grenze zu gehen und Neues auszuprobieren. Experimente sind riskant, können sich aber auszahlen, da sie Unsicherheit über die Zukunft reduzieren, indem sie dabei helfen, diese zu gestalten.

Was sind die drei wichtigsten disruptiven Technologien am Arbeitsplatz der Zukunft?

Die Konvergenz und das fortlaufende Wachstum von Cloud Computing, mobilen Kommunikationstechnologien, künstlicher Intelligenz, dem Internet der Dinge und Big Data werden einen Paradigmenwechsel von historischen Ausmaßen zur Folge haben. Wir sind auf dem Weg in eine Welt, in der Daten, Informationen und Wissen im Überfluss vorhanden sind. Anstatt „einen Computer zu verwenden“, kann man sich die Zukunft so vorstellen, dass man in einem Computer lebt – oder besser gesagt, dass der Computer überall um einen herum ist – und dass Informationen einen nur dort und nur dann finden, wenn man sie braucht.

Wie wird der Prozess des „Verlernens“ dabei helfen, am Arbeitsplatz die Effizienz, die Produktivität und die Innovationsstärke zu steigern?

Interessanterweise glauben viele Leute immer noch, dass die Farben des Vorfahrt-gewähren-Schilds auf US-amerikanischen und kanadischen Autobahnen gelb und schwarz seien, obwohl diese seit 1971 rot und weiß sind. Ich sage das, weil es oft schwer ist, etwas zu verlernen, nachdem man es gelernt hat, auch wenn die Zeichen einer neuen Realität sichtbar sind. Gleichermaßen verändern auch mobiles Video, Virtual Reality, Big Data, das Internet der Dinge, künstliche Intelligenz und die „Sharing Economy“-Plattformen den Arbeitsplatz rapide, aber viele Menschen scheuen sich, diese Veränderungen auch nur wahrzunehmen, weil sie die alten Arbeitsweisen noch nicht verlernt haben. Oft müssen Menschen erst etwas „verlernen“, bevor sie neue und bessere Arbeitsweisen aufgreifen können.

Welche Rolle werden Millennials, die neu zu den Arbeitskräften hinzustoßen, bei der Annahme von Technologie spielen?

Da die Millennials zu den Erstanwendern vieler dieser Technologien zählen, werden sie als Lehrer und Mentoren für die ältere Arbeitergeneration dienen. Auf einer proaktiveren Ebene würde ich die Baby-Boomer und Gen-Xer dazu anhalten, „junge Mentoren“ unter den Millennials zu finden und von diesen zu lernen. Ältere Arbeiter sollten den Millennials natürlich weiterhin als traditionelle Mentoren dienen, aber da die jüngere Generation die neuen und aufkommenden Technologien heutzutage besser versteht und andere Perspektiven hat, wie diese Tools effektiv eingesetzt werden können, bieten die Millennials älteren Arbeitern viele Vorteile, solange diese bescheiden genug sind, zu akzeptieren, dass sie von der jüngeren Generation lernen können – und müssen.

Warum glauben Sie, ist aus dem papierlosen Büro nichts geworden?

Aus dem gleichen Grund, aus dem Mikrowellen nicht den traditionellen Ofen abgelöst haben und Glühbirnen nicht das Ende der Kerzenhersteller waren. Jede Technologie hat einzigartige und konkrete Vorteile; das gilt auch für Papier. Papier ist möglicherweise das beste Mittel, das jemals für die Vermittlung, das Teilen und die Verbreitung von Informationen erfunden wurde. Vor Kurzem haben wissenschaftliche Studien auch ergeben, dass Menschen Informationen, die in Papierform präsentiert werden, besser verstehen und behalten als wenn diese elektronisch präsentiert werden. Darum glaube ich, dass Papier noch bis lange in die Zukunft hinein eine wichtige Rolle in der Gesellschaft spielen wird.

Warum glauben Sie steigen momentan viele Arbeitsplätze von Laserdruckern auf Tintenstrahldrucker um?

Tintenstrahldrucker punkten bei Preis, Vielseitigkeit, Funktionalität, Wartung und der geringeren Größe und haben so weitreichende Akzeptanz am Arbeitsplatz gewonnen. Darüber hinaus verbessern sich die Qualität und die Geschwindigkeit von Tintenstrahldruckern immer weiter, so dass sich dieser Trend in Zukunft wohl fortsetzen wird.

Wie sieht der Arbeitsplatz von morgen allgemein aus? Wie sehen Sie die Rolle von Technologie am Arbeitsplatz von morgen?

Ironischerweise wird der Arbeitsplatz der Zukunft zwar mehr Technologie haben, diese wird aber nicht mehr so sichtbar sein. Die Technologie der Zukunft dient dazu, menschliche Kommunikation und Zusammenarbeit zu vereinfachen und zu verbessern, anstatt uns zu behindern und abzulenken. Statt gewohnheitsmäßig und gedankenlos Geräte zu überprüfen, wird die Technologie uns nur benachrichtigen, wenn unsere Aufmerksamkeit erforderlich oder empfehlenswert ist. Und auch wenn die Trennlinie zwischen Arbeit und Freizeit in der Zukunft noch unschärfer wird, finde ich das nicht unbedingt schlimm. Stellen Sie sich nur einmal vor, dass vor etwa hundert Jahren die meisten Menschen auf Bauernhöfen lebten und arbeiteten. So gesehen hatten unsere Ururgroßeltern nie Probleme mit der „Work-Life-Balance“. Sie arbeiteten so viel wie erforderlich und vereinten Familie, Freunde und Gemeinschaft in der verbleibenden Zeit. Kurz gesagt ließen sich Arbeit und Familie nahtlos und nachhaltig vereinbaren. Ich denke, dass wir im 21. Jahrhundert auf gleiche Weise ein Äquivalent dazu finden werden, in dem unser Leben bei der Arbeit und unser Leben außerhalb der Arbeit nicht unabhängig voneinander sind, sondern eher zwei Hälften eines Ganzen – und die Summe dieser zwei Teile wird größer als das Ganze sein. Das ist einer der Gründe, dass ich recht optimistisch für die Zukunft bin.