Ein Leitfaden für den Einsatz von Farbe in der Bildung

Die Farbpsychologin Angela Wright hat untersucht, wie sich Farbe auf das Lernen von Schülern und Studenten auswirkt.

Ein Leitfaden für den Einsatz von Farbe in der Bildung

Ein Leitfaden für den Einsatz von Farbe in der Bildung

Die Farbpsychologin Angela Wright hat untersucht, wie sich Farbe auf das Lernen von Schülern und Studenten auswirkt

„Rot, rot, rot sind alle meine Kleider…“, heißt es in einem bekannten Kinderlied. Rot gilt als sinnlich, als Farbe des Feuers und der Liebe. Rot steht aber auch für Energie und Durchhaltevermögen. Im Bildungswesen wird die Wirkung der Farben stärker anerkannt als beispielsweise im Einzelhandel. Jüngste Entwicklungen und neue Konzepte haben innovative Schulkonzepte hervor gebracht und zeigen, dass heute auf kreative Methoden zur Steigerung der Aufmerksamkeit zurückgegriffen wird. Es gibt noch offene Fragen, aber Farbe wirkt in den Köpfen der Schüler und Studenten.

Farben in Schule, Klassenraum und Unterricht

Pädagogen messen der Rolle von Farbe in Lernumgebungen erhebliche Wirkung zu. Im Jahre 2008 veröffentlichten Dr. Willard R. Daggett, Präsident des „International Center for Leadership in Education“, und sein Team beispielsweise eine Arbeit mit dem Titel „Color in an Optimum Learning Environment“, in dem sie folgende Punkte durch Untersuchungsresultate bestätigten:

  1. Bestimmte Farben und Muster haben einen direkten Einfluss auf die Gesundheit, die geistig-seelische Verfassung, die Emotionen, das Verhalten und die Leistung von Lernenden.
  2. Farbe wirkt sich direkt auf die Belastung der Augen aus, auf den Kontrast, sie entscheidet, ob eine Blendung vorliegt oder nicht, sie beeinflusst den Grad der Ablenkung und sie kann anregen und die Konzentration fördern. Farbe verändert die Wahrnehmung der Zeit, das Zusammengehörigkeitsgefühl, sie wirkt auf störendes Verhalten und Aggressionen. Sie kann sogar Vandalismus reduzieren sowie die Aufmerksamkeit für das aktuelle Geschehen erhöhen.
  3. Klassenräume sollten je nach Alter, Geschlecht, Fach und Unterrichtsart in verschiedenen Farben gehalten werden, um Monotonie zu reduzieren und die Aufmerksamkeit der Schüler zu steigern. Jedoch minimiert ein übermäßiger Einsatz von Farben – beispielsweise mit mehr als sechs Tönen – die kognitiven Fähigkeiten.

Dieser letzte Punkt zeigt deutlich, dass der Einsatz der Farbe komplizierter ist als zum Beispiel die simple Formel „Eine Farbe ist gut für Mathematik, eine andere wirkt besser bei Geschichte“.

Ein Kind, das im Kunstunterricht schwarze oder graue Buntstifte erhält, malt vorzugsweise unbelebte Gegenstände wie Häuser oder Autos. Gibt man demselben Kind hingegen farbige Buntstifte, zeichnet es mit hoher Wahrscheinlichkeit Menschen oder Tiere. Dabei ist der Einsatz von Farbe als solcher wichtiger als die Art der Farbe.

So fand das Team von Dr. Daggett ebenfalls heraus, dass sich die Lieblingsfarben der meisten Kinder beim Heranwachsen ändern. Dies entspricht auch den Entdeckungen anderer Farbforscher wie Rudolf Steiner, Faber Birren und anderer.

Die Philosophie des Rudolf Steiner

Der Philosoph Rudolf Steiner war fasziniert von der spirituellen und psychologischen Wirkung von Farbe. Er war ein großer Bewunderer von Johann Wolfgang von Goethe, dem deutschen Autor, Poeten und Universalgelehrten, der zudem als Autor der Arbeit „Zur Farbenlehre“ anerkannt wurde. Steiner sagte: „Farbe ist die Seele der Natur (…). Wir nehmen Anteil an dieser Seele, indem wir das Farbige miterleben.“ 1919 gründete Steiner seine erste Waldorfschule in Stuttgart. Das Waldorf-Bildungssystem basiert auf Steiners Philosophie der Anthroposophie, einer spirituellen und esoterischen Weltanschauung nebst zugehörigem Ausbildungs- und Erkenntnisweg.

Heute gibt es mehr als 1.000 Waldorfschulen auf der ganzen Welt, und die Inneneinrichtung folgt stets den Prinzipien der Waldorf-Farblehre. Diese leitet sich aus der Natur ab – angefangen mit dem Regenbogen. Daher sind die vorherrschenden Farben in den Klassenräumen für die ersten drei Jahrgänge rot, orange und gelb. Sind die Farbwahrnehmungen der Schüler später weiter ausgereift, werden die Klassenräume vor allem in Grüntönen gehalten, noch später in verschiedenen Blautönen und abschließend in Abstufungen von Lila. Darüber hinaus werden die Wände mit Zeichnungen versehen. Dabei handelt es sich um unterschiedliche Bilder, die mehr Leben in den Raum bringen sollen. Ergänzt wird dies durch Wandmalereien mit Motiven aus der Natur.

Den Befürwortern des Steinerschen Ansatzes steht eine in etwa ebenso große Gruppe von Kritikern gegenüber. Doch bei der Wirkung von Farbe im Klassenzimmer sind sich offenbar alle Seiten einig. Auch die Wandmalereien mit den Naturmotiven gelten allgemein als inspirierend. Während jedoch Pädagogen und andere die Wirkung von Farbe auf Schüler und deren Lernverhalten eingehend erforschen, gibt es auch andere Meinungen. Insbesondere die Lehrer vor Ort stehen dem notwendigen Forschungsaufwand reserviert gegenüber. Das ist enttäuschend.

Weiße Wände behindern Interesse

Zwar lassen die Waldorfschulen beim Thema Farbphysiologie ihren Worten Taten folgen, doch die Mehrheit der konventionellen Schulen überstreicht bei fälligen Renovierungsarbeiten ihre Räume mit schlichtem und zweckmäßigem Weiß. Damit kehren wir zurück zu Dr. Dagget: Er glaubt, dass uninteressante, neutrale Farben Langeweile und Passivität fördern. Sie würgen Begeisterung oder Interesse schneller ab und machen die Arbeit von Lehrern schwieriger. Vielleicht ist diese Aussage ein wenig radikal, aber es ist möglich, dass das Festhalten an neutralen Farbtönen in einer Lernumgebung möglicherweise eine Chance vergibt.

Dr. Helen Irlens Sichtweise

Der andere Pionier in der großen Bildungsdebatte ist Dr. Helen Irlen, eine amerikanische Psychologin, die seit vielen Jahren mit Kindern arbeitet und möglicherweise mehr zu unserem Verständnis der Auswirkungen von Farbe auf das Lernverhalten beigetragen hat als irgendjemand sonst. So ist beispielsweise bekannt, dass Legastheniker blauen Text leichter lesen können und Dr. Irlen geht mit ihrer Studie noch weiter. Ausgestattet mit Fördermitteln der US-Regierung rief sie an einer kalifornischen Universität ein Programm zur Bekämpfung von Lernbehinderungen bei Erwachsenen ins Leben. Dort betreibt sie Forschungen mit Studenten, die Probleme bei ihren Kursarbeiten haben.

Hierbei fand sie heraus, dass Studenten eine Textseite ganz unterschiedlich wahrnahmen, diese jedoch annahmen, dass alle anderen Probanden ihre eigene Wahrnehmung teilten. Sie entdeckte zudem die Skotopische Empfindlichkeit (Nachtsehen, Stäbchensehen), auch Irlen-Syndrom genannt. Betroffene berichten unter anderem davon, dass Worte bei geringer Helligkeit verschwimmen, sich scheinbar verschieben, bewegen oder „schwimmen“. Eines ihrer bekanntesten Studienergebnisse war, als sie feststellte, dass ein Student unter Zuhilfenahme einer roten transparenten Auflage wesentlich besser lesen konnte. In den folgenden Jahren konzentrierte sich Irlen auf das Verfeinern und Entwickeln von Methoden, um zu bestimmen, für welche Fehlfunktion des Sehens welche Farben für Auflagen und Linsen geeignet sind.

Anfang der 1980er-Jahre gründete sie das Irlen Institut. Heute gibt es auf der ganzen Welt Irlen-Kliniken, in denen verschiedene Störungen behandelt werden, einschließlich Legasthenie und Autismus. Ihr bekanntestes Buch ist „Reading by the Colors“. Mehrere Bundesstaaten in den USA führten einen obligatorischen Irlen-Test für Schulkinder ein. Dadurch erhalten die Kinder – falls nötig – farbige Auflagen und Linsen, die beim Lesen helfen.

Farbe beeinflusst Stimmung und Verhalten

Die Auswirkungen von Farbe auf Stimmungen und Verhalten lassen sich nicht vermeiden; wir alle sind stets der Farbpsychologie ausgesetzt, denn das weiße Licht ist aus allen sichtbaren Farben zusammengesetzt. Daher passen wir uns in jedem Moment dem auf uns wirkenden Licht an – bewusst oder unbewusst. Dies übt einen psychischen und physischen Einfluss auf uns auf und beeinflusst uns auch auf ästhetische Weise. Gute Planung führt zu guten Ergebnissen, Versäumnisse vergeben Chancen.