Digigraphie-Interview-Reihe: Antonio Aragon - Gewinner des Unicef-Foto des Jahres

Digigraphie-Interview-Reihe: Antonio Aragon - Gewinner des Unicef-Foto des Jahres

Foto: Antonio Aragon

Digigraphie-Interview-Reihe: Antonio Aragon - Gewinner des UNICEF-Foto des Jahres 2018

Im Rahmen einer Interview-Reihe rund um die Digigraphie spricht Epson mit Fotografen über ihre Arbeit, aktuelle Lieblingsprojekte, über digitale und gedruckte Bilder. Das heutige Gespräch führen wir mit Antonio Aragon, Gewinner des UNICEF-Foto des Jahres 2018.

Antonio, noch einmal herzlichen Glückwunsch zum "UNICEF-Foto des Jahres". Was zeigen die Bilder, die UNICEF ausgezeichnet hat?

Meine Bilder erzählen die Geschichte der „Schlangenkinder“ (engl.: Snake Kids). Das sind Kinder – oft vernachlässigt – mit schweren und tiefgreifenden körperlichen oder geistigen Behinderungen, die im Saint Louis Orione Centre in Bombouaka (Togo, Westafrika) leben. Das ist ihr sicheres Zuhause. Die Menschen dort bieten ihnen eine spezialisierte und persönliche Betreuung und verbessern so ihre Lebensqualität.

In der Region werden Kinder mit Behinderungen, insbesondere Mädchen, oft von ihrer Familie verlassen und sind stark durch körperlichen, emotionalen und sexuellen Missbrauch gefährdet. Der Glaube, dass die Behinderungen auf eine göttliche Bestrafung zurückzuführen sind, das Ergebnis der Sünden ihrer Eltern, den Teufel oder darauf, dass das Kind ein Zauberer ist, ist in diesen Gemeinschaften weit verbreitet.

Minderjährige, die an einer Behinderung leiden, gelten als „übernatürlich“, „fremd“ oder als „Dämonen“. In einigen Gebieten des Landes werden Kinder mit Zerebralparese als "Schlangen" bezeichnet, da sie am Boden liegen. Diese Kleinen werden im Fluss in Ritualen ertränkt, "damit die Schlange geht".

Wie haben Sie das Thema gefunden – oder fand es Sie? Was führte Sie nach Togo?

Das war ein Zufall vor fast 20 Jahren: Eine Gruppe von Ärzten aus meiner Stadt plante im Norden Togos eine Cataract-Operation durchzuführen. Ich fragte sie, ob ich sie begleiten könnte, und ohne wirklich zu wissen, wo ich mich geographisch befand, stand ich plötzlich mit meinen Kameras mitten in der Savanne. Diese Reise hat etwas in mir verändert: Ich kam, um das Leiden zu fotografieren und bald schon erlebte ich es 24 Stunden am Tag im Krankenhaus. Es war eine brutale Veränderung. Eine neue Art des Fühlens und Sehens und auch der Begegnung mit dem Leben.

Daraus entstand OASIS, unsere NGO mit der wir etwas in der Welt bewirken und verändern wollten. Sie entstand damals, um in Nicaragua mit Schul- und Sportmaterial einreisen zu dürfen. In dem Ort, in dem ich lebte, haben wir dann sogar ein Schwimmbad für die Kinder des Waisenhauses gebaut. Im Laufe der Zeit schlossen sich uns immer mehr Menschen an und wir starteten weltweit mehrere Projekte. So entstand die heutige OASIS. Seit mehr als 15 Jahren führen wir nun so auch in Togo Behandlungen im medizinischen/chirurgischen Bereich der Traumatologie sowie der plastisch-rekonstruktiven Chirurgie durch, hauptsächlich bei Kindern. In all den Jahren konnten wir bereits vielen Patienten helfen, ihre unsicheren Lebensbedingungen zu verbessern.

Im Don Orione Center ist unsere afrikanische Außenstelle und dort befindet sich auch unser Operationssaal. Mit den Kindern, deren Zuhause dieses Center ist, habe ich viel Zeit verbracht, ihren Alltag kennengelernt und sowohl ihre Freuden als auch Sorgen geteilt. Nach all diesen Jahren, vielen Reisen, tausenden von Patienten, aber auch tausenden von Fotos und Millionen von einzigartigen und unwiederholbaren Erfahrungen – und nach all den Jahren des Fotografierens – kommen wir jedes Jahr zurück, um denen zu helfen, die unsere Hilfe am meisten benötigen. Ich hoffe, dass meine Fotos jemanden in nur fünf Sekunden dazu bringen, bestimmte Dinge für sich selbst und seine Freunde zu überdenken. Für mich ist es wichtig, dass diese Bilder helfen, die Lebensbedingungen der Kinder zu verbessern. Die Bilder sind ein zu brutales Geschenk, um es nicht zu nutzen.

Hat die Auszeichnung Ihre weitere Arbeit beeinflusst oder verändert?

Die Wahrheit ist, einen solchen Preis zu erhalten freut und motiviert mich sehr. In diesem Fall sogar noch ein wenig mehr. Denn UNICEF war für mich immer ein Vorbild, wenn es um die Rechte und den Schutz der Kinder geht – ein Thema, mit dem ich mich seit vielen Jahren intensiv beschäftige.

Auszeichnungen und Anerkennungen haben im Wesentlichen zwei Vorteile: Einerseits unterstützen sie uns, die Geschichten, an denen wir arbeiten, sichtbar zu machen. Heutzutage gibt es nicht mehr viele gedruckte Medien, die auf die Art und Weise berichten und die besonders ansprechen. Auf der anderen Seite ist es eine gute Möglichkeit, finanzielle Mittel zu erhalten (nicht in diesem Fall, weil der Preis nicht dotiert ist). So kann ich als freiberuflicher Fotograf zukünftige Projekte finanzieren.

Am Ende sind das Aufsehen, die Blitzlichter und die kurzweiligen Streicheleinheiten für das Ego aber nur Anekdoten. Ich werde auch in Zukunft so arbeiten wie bisher und dabei die Geschichten suchen und finanzieren, die mein Herz berühren.

Sie sind Fotojournalist. Drucken Sie Ihre Bilder auch aus – oder arbeiten Sie ausschließlich digital?

Heutzutage ist eigentlich meine gesamte Arbeit digital. Die, in vielen Fällen absurde, Hektik, die die Welt beherrscht, bestimmt ja unser Leben und auch unsere dokumentarischen Werke. Es ist schade, dass wir in der heutigen „kybernetischen“ Ära unsere Bilder nicht mehr so oft drucken. Es scheint, als hätte der physische Fußabdruck nicht mehr so viel Einfluss auf unser Leben wie der digitale Fingerabdruck. Ich vermisse es, ganze Nächte im dunklen Raum zu verbringen und die Magie zu spüren.

Seit vielen Jahren drucke ich meine Bilder nur noch, um sie in Hallen und Museen auszustellen. Es ist gut, dass wir diese Option noch haben. Um ehrlich zu sein, ist es schwierig das Gefühl zu erklären, wie es ist, wenn das eigene Bild aus dem Plotter kommt. Es erinnert in gewisser Weise schon an das klassische Labor. Die Magie liegt in der Überraschung, wenn eines deiner „Babys“ auf Glossy-Papier entsteht.   

Welchen Wert hat das gedruckte Bild für Sie?

Es ist, als würde man einem Foto Leben einhauchen und ihm Persönlichkeit verleihen. Wandeln Sie eines von Tausenden von digitalen Bildern auf Ihrer Festplatte in ein echtes, physisches Bild, das Sie berühren, riechen und fühlen können, gehen Sie vom Ätherischen zum Greifbaren, vom Geistigen zum Irdischen.

Die Wände meines Studios sind voll mit Fotos, von denen mir jedes Einzelne etwas sehr Konkretes bedeutet. Es sind Kapitel in meinem Logbuch – Erinnerungen und Erfahrungen. Deshalb ist mir das gedruckte Bild so wichtig. Sie sind Teile meines Lebens, meiner Geschichten und meiner Reisen.

Wahrscheinlich ist die Zeit, in der ich geboren wurde, der Grund, warum ich es eher gewohnt bin, Fotos zu drucken.

Wie wichtig ist Ihnen die Qualität der Drucke, wenn Ihre Bilder ausgestellt werden?

Für mich ist Qualität das Wichtigste. Sonst wäre es ein Sakrileg für unsere Arbeit. Ich denke, es ist wichtig, in allem anspruchsvoll zu sein. Von der Aufnahme bis zum Aufhängen des fertigen Bildes in der Ausstellungshalle. Es ist ein Prozess. Die Arbeit des Fotografen endet nicht mit dem Drücken des Auslösers. Deshalb müssen wir alle Phasen überwachen und versuchen, sowohl Ausrüstung als auch Verfahren neuer Technologien so weit wie möglich zu optimieren. Jedes Bild ist wie ein eigenes Kind. Daher möchte ich sie bestmöglich behandeln und auch nur auf den besten Materialen drucken. Epsons Digigraphie-Verfahren bietet uns unglaubliche Materialen in einer außergewöhnlichen Qualität – genauso wie ich es mir bei den Vergrößerungen meiner Bilder wünsche.

Zum Schluss möchten wir uns auch über Ihre nächsten Projekte informieren. Können Sie uns bereits von ihnen erzählen?

Mein Kopf sprudelt immer vor neuen Ideen und ich bin stets auf der Suche nach neuen Geschichten. Ich bin gerade von einer langen fünfmonatigen Reise zurückgekehrt, bei der ich mehrere Reportagen gemacht habe: In Burkina Faso habe ich Kinder fotografiert, deren Kindheit von islamischen Extremisten bedroht wird und die sie daran hindern, zur Schule zu gehen. Dann habe ich erneut die „Schlangenkinder“ in Togo besucht. Außerdem war ich im Osten der Ukraine, um das Leben der wenigen Siedler, die im Kreuzfeuer zurückgelassen wurden, zu dokumentieren. Zum Schluss war ich in Tschernobyl, das in den letzten Monaten ja schon etwas „modisch“ geworden ist. Dort habe ich das harte, anonyme und vergessene Leben der „Samosely“ fotografiert. Das sind kaum 100 Siedler, die in dem Sperrgebiet leben – ein aus der Zeit gefallener postapokalyptischer Limbus.

Ich hoffe, dass ich weiterhin von diesen spannenden Geschichten berichten kann, die mich so sehr interessieren. In ein paar Monaten beginne ich eine neue lange Reise, die mich in die Vereinigten Arabischen Emirate, nach Togo, nach Burkina Faso, in die Ukraine und nach Spanien führen wird. Ich engagiere mich gern für langfristige Projekte, die sich mit Fragen des Naturschutzes, der globalen Gesundheit, der Armut, verschwindenden Kulturen, der Diskriminierung und der Kinder befassen. Ich versuche stets, die Stimme zugunsten der am meisten benachteiligten und vergessenen Menschen zu erheben. Aber vor allem versuche ich diese aufregende Reise, die das Leben selbst ist, zu genießen.