Bildschirmmüdigkeit – oder: Warum Angestellte noch immer zum bedruckten Papier tendieren.

Warum Drucken wichtig ist – auch in der digitalen Ära

Bildschirmmüdigkeit – oder: Warum Angestellte noch immer zum bedruckten Papier tendieren.

Nicht nur bei der Generation „On-Screen“: Seitdem Tablets, e-Reader und Smartphones uns allerorts begleiten, sind Bildschirme – in stetig steigender Darstellungsqualität –ein zentrales Element unserer Wahrnehmung. Dies gilt insbesondere für die so genannten „Screenagers“, die jüngere Generation, die in einer Kultur von sozialen Medien und mobilen Geräten aufgewachsen sind und ohne Bildschirme förmlich nicht leben können.

Papier – ein Dauerläufer

Doch bei der alltäglichen Arbeit spielt Papier selbst in der hochdigitalisierten Welt eine wichtige Rolle. Laut einer 2015 im Auftrag von Epson durchgeführten Umfrage unter 3.600 europäischen Büroangestellten nutzen tatsächlich 88 Prozent mindestens einmal täglich einen Drucker. Dabei drucken diese im Durchschnitt 21 Dokumente, was in etwa 83 Seiten pro Tag entspricht.1

Setzen wir auf Papier, weil wir uns eine Pause von der Bildschirmarbeit wünschen? Oder gibt es eine fundierte, wissenschaftlichere Erklärung dafür, dass Papier immer noch einen solchen Stellenwert hat?
Möglicherweise liegt es daran, dass Informationen auf Papier anders verarbeitet werden als auf dem Bildschirm: Wenn wir einen Text nur überfliegen oder schnell durchlesen wollen, ist das Lesen am Bildschirm einfach praktisch. Aber wenn es darum geht, aufmerksam und sorgfältig zu lesen, stellen wir fest, dass Menschen dafür zum Papier greifen – in Schulen genauso wie in Büros.

Gute Gründe für den Druck

Broschüren und Berichte sind die wohl am häufigsten ausgedruckten Dokumenttypen in Büros. Nach Auskunft der Mitarbeiter machen sie rund 16 Prozent aller an einem gewöhnlichen Tag ausgedruckten Elemente aus.1 Warum? Dies lässt sich dadurch erklären, dass Broschüren ebenso wie Berichte in der Regel eher textlastig sind. Sie werden häufig zur Entscheidungsfindung herangezogen und der Leser muss den Text im Detail verstehen. Darüber hinaus handelt es sich hierbei oft um Dokumente externer Quellen, die vermutlich noch bearbeitet und mit besonderer Aufmerksamkeit behandelt werden müssen.

Auch E-Mail-Anhänge (15 Prozent) – und überraschenderweise sogar E-Mails selbst (14 Prozent)1 – liegen häufig im Ausgabeschacht von Bürodruckern. Angesichts des kontinuierlichen E-Mail-Flusses lässt sich leicht nachvollziehen, warum E-Mails und Anhänge ausgedruckt werden: sie erfordern besondere Aufmerksamkeit, vor allem da E-Mails die Hauptkommunikationsform am Arbeitsplatz sind.
Das zeigt auch die Forschung: Pro Benutzer und Tag lag die Zahl der gesendeten und empfangenen geschäftlichen E-Mails 2015 bei erstaunlichen 122 Stück!2 Und Forscher gehen davon aus, dass diese Zahl bis Ende 2019 auf durchschnittlich 126 E-Mails ansteigen wird.2

Darüber hinaus gaben die Befragten an, dass sie in der Regel aus folgenden Gründen ausdrucken:

· „Weitergeben / Verteilen“ (53 Prozent),

· „Lesen“ (44 Prozent) und

· „Bearbeiten / Kommentieren“ (41 Prozent).1
 

Zum letzten Punkt bemerkten 61 Prozent der Angestellten, dass „beim Bearbeiten eines elektronischen Dokuments eine höhere Wahrscheinlichkeit von Fehlern besteht als bei einem Ausdruck“.1
 

Papier: Stoff für die Forschung

Die wissenschaftliche Forschung steckt bei der Erforschung der unterschiedlichen Rezeption von Pixeln und Papier zwar noch in den Kinderschuhen, dennoch stützen erste Untersuchungen bereits jetzt die anhaltende Theorie, dass Papier nicht an Attraktivität einbüßt.
Es zeigt sich, dass das Lesen von Papier in puncto Textverständnis, Lernerfolg, Behalten von Informationen und Benutzerfreundlichkeit wesentlich besser bewertet wird. Als Grund führen Forscher unterbewusste Mechanismen in unseren Hirnen an, die dafür sorgen, dass wir Texte aus vertrauten Quellen – in diesem Fall eben Papier – besser verstehen können.3

Dies lässt sich unter anderem auch mit der Fähigkeit erklären, sich auf nicht-lineare Weise durch einen Text zu bewegen und mit gewohnter Leichtigkeit durch die Seiten zu blättern. Das Lesen am Bildschirm stellt das genaue Gegenteil dar, das heißt eine lineare Vorgehensweise. Bildschirmtechnologie kann die taktile Erfahrung des Papierlesens derzeit noch nicht reproduzieren, auch nicht mit umblätterbaren Büchern auf Lesegeräten oder Online-Magazinen im PDF-Format.

Einige Wissenschaftler gehen sogar so weit, zu behaupten, dass allein schon das Fühlen von Papier das Textverständnis fördert. Gerlach und Buxmann bezeichneten dies in einer Studie 2011 als „haptische Dissonanz“, die Annahme, dass wir etwas im wahrsten Sinne des Wortes „begreifen“.4

Andere wissenschaftliche Studien (Wastlund, Reinikka, Norlander und Archer) stützen die Theorie, dass das Gehirn beim Lesen am Bildschirm wesentlich höherem Stress ausgesetzt ist. Sie bewiesen tatsächlich, dass unsere Gehirne beim Lesen von Papier viel länger funktionieren können.1 Vor dem Bildschirm werden schlichtweg erheblich mehr Hirnressourcen beansprucht – mit der Folge, dass das Verständnis der Informationen leidet.

Ablenkung durch digitale Vielfalt

Es lässt sich überdies feststellen, dass interaktive Geräte mehr Disziplin erfordern. Sie bieten mehr Ablenkungen: E-Mails, das Internet, Spiele – die Versuchung ist nur einen Mausklick entfernt.
Beim Arbeiten auf Papier hingegen ist die Wahrscheinlichkeit, abgelenkt zu werden deutlich geringer – man konzentriert sich meist nur auf eine Sache. Tatsächlich ergab eine Umfrage unter Studenten, dass 90 Prozent beim Lesen am Bildschirm dazu neigten, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Dagegen gab nur 1 Prozent an, dass dies beim Lesen von gedrucktem Material auf sie zuträfe.5

Dies lässt sich dadurch erklären, dass Papierdokumente häufig als wichtiger wahrgenommen werden und deshalb die volle Aufmerksamkeit des Lesers erfordern: Das Gewicht und die Größe eines Berichtes von 200 Wörtern wirkt einfach seriöser als die digitale Version desselben Dokuments.

Pixel oder Papier? Die Mischung macht‘s!

Um produktiv sein zu können, müssen wir für uns herausfinden, was am besten funktioniert. Wir müssen von Fall zu Fall entscheiden, ob Papier oder Pixel das richtige Medium darstellen. Oder, um es mit den Worten des Zukunftsforschers Jack Uldrich zu sagen: „Jede Technologie hat einzigartige, handfeste Vorteile – und Papier stellt da keine Ausnahme dar. Papier ist das wohl beste Instrument, das jemals zum Übermitteln, Weitergeben und Verbreiten von Informationen ersonnen wurde.“ Deshalb lässt sich mit Sicherheit sagen, dass Papierdokumente auch in Zukunft eine tragende Rolle für die effiziente Arbeit von Büroangestellten spielen werden.

Fußnoten

  1. FTI Consulting im Auftrag von Epson, 2015
  2. The Radicati Group, Inc, E-Mail-Statistikbericht, 2015-2019
  3. http://www.radford.act.edu.au/storage/reading-on-screens-v-paper.pdf
  4. Gerlach, J., & Buxmann, Hrsg. (2011). Investigating the acceptance of electronic books – the impact of haptic dissonance on innovation adoption. (Untersuchungen über die Akzeptanz elektronischer Bücher – die Auswirkungen haptischer Dissonanz auf die Einführung von Innovationen.) ECIS 2011 Proceedings. Paper 141. Abgerufen am 5. Januar 2015 von: http://is2.lse.ac.uk/asp/aspecis/20110145.pdf 
  5. https://www.washingtonpost.com/local/why-digital-natives-prefer-reading-in-print-yes-you-read-that-right/2015/02/22/8596ca86-b871-11e4-9423-f3d0a1ec335c_story.html